Wie alles begann – von der Gründung des ersten sozialdemokratischen Wahlvereins im heutigen Osthavelland (Altkreis Nauen) in Ketzin
Ketzin, Sonntag den 1 März 1903. Nach mehreren vergeblichen Anläufen kam es am späten Nachmittag in der Gaststätte Klemm (heute Tischlerei Raab) zur Gründung des ersten sozialdemokratischen Wahlvereins (Ortsverein) im heutigen Osthavelland. Vorausgegangen war eine öffentliche Wahlkampfveranstaltung mit dem Rechtsanwalt Dr. Karl Liebknecht. Liebknecht war damals Spitzenkandidat der SPD im prestigeträchtigen Wahlkreis Potsdam-Spandau-Osthavelland, dem sogenannten „Kaiserwahlkreis“.
Von den 250 Anwesenden, darunter 40 Frauen, verließen ungefähr 1/3 der Teilnehmer nach der fast zweistündigen Rede Liebknechts den Saal. Die Verbliebenen trugen sich in die ausliegenden Listen ein und begründeten damit den Wahlverein. Die Versammlung schloß gegen 19°° Uhr mit einem „Hoch auf die Sozialdemokratie“. Der Vorstand wurde am 14. März 1903 gewählt. Das „Eintrittsgeld“ in den Wahlverein wurde auf 10 Pfg. und der monatliche Beitrag mit 20 Pfg. festgelegt. Die Vereinsversammlungen sollten jeden zweiten Sonnabend um 20°° Uhr stattfinden. Zum Vorsitzenden wurde der Schumachermeister August Krumnow aus Ketzin gewählt. August Krumnow gehörte bis zum Verbot der SPD 1933, zu den bekanntesten Sozialdemokraten im Osthavelland. Er wurde 1946 Ehrenbürger der Stadt Ketzin. Eine erste Mitgliederliste, gleichfalls datiert vom 14. März 1903, umfaßt 103! Namen aus Ketzin und Umgebung.
Das die Wiege der osthavelländischen Sozialdemokratie in Ketzin stand, war kein Zufall. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte sich in Ketzin eine florierende Ziegelindustrie entwickelt. So gab es 1892 11 Ziegeleien mit 18 Ringöfen. Jährlich konnten bis zu 100 Millionen Steine produziert werden, die auf dem Wasserwege vor allem nach Berlin gebracht wurden. Die Ziegeleiarbeiter, überwiegend Saisonarbeiter, wurden aus Oberschlesien und Westfalen angeworben. Ein großer Teil dieser Arbeiter war polnischer Nationalität.
Übrigens wurden alle Veranstaltungen der SPD bis Ende des 1. Weltkrieges polizeilich überwacht, die Redebeiträge aufgezeichnet und an den Landrat übermittelt. Probleme bekamen die örtlichen Gendarmen immer dann, wenn die Reden in polnischer Sprache gehalten wurden.
Sehr zum Ärger ihres Spitzenkandidaten (Karl Liebknecht) erwiesen sich die Ketziner Sozialdemokraten als recht kaisertreu. So wird Karl Liebknecht in einer polizeilichen Mitschrift vom 18. März 1906 wie folgt zitiert: „Ein großer Teil der Ketziner Sozialdemokraten habe sich am Tage der Silberhochzeit des Kaiserpaares pflichtvergessen verhalten, indem er sich an der Illumination, dem Fackelzug und den hiesigen Feierlichkeiten beteiligte“.
Im April 1904 erfolgte die Gründung eines sozialdemokratischen Wahlvereins für Nauen und im Januar 1908 für Seegefeld-Falkenhagen und Umgebung. Bei der Reichstagswahl 1912 konnte der „Kaiserwahlkreis“ erstmals von den Sozialdemokraten gewonnen werden. In einer spannenden Stichwahl setzte sich Liebknecht mit 54,4 % der Stimmen gegen seinen konser-vativen Konkurrenten Vosberg durch.
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